Freitag, 17. Mai 2013

Die Rothemden-Proteste 2010 - eine persönliche Chronik - Teil 6: 15. - 18. Mai - "Der Grausame Mai" - พฤษภาอำมหิต - Teil 2

Links:
Die Rothemden-Proteste - Teil 1: Prolog und März 2010 - Phan Fa-Brücke
Die Rothemden-Proteste - Teil 2: 01. - 17. April - die gescheiterte Niederschlagung
Die Rothemden-Proteste - Teil 3: 18. - 20. April - die Barrikade und der Aufmarsch der Sicherheitskräfte
Die Rothemden-Proteste - Teil 4: 21. - 30. April - die Herrschaft des Mobs
Die Rothemden-Proteste - Teil 5: 01. - 14. Mai - grausamer Mai - Teil 1


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"Der Grausame Mai" - พฤษภาอำมหิต - Teil 2
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15. Mai

Die Straßenschlacht an der Bon Kai-Brücke: die Armee





























Die Regierung Abhisit, die Armee und das CRES beschuldigten immer wieder die Rothemden terroristischer Akte und der Verletzung der Menschenrechte wegen ihrer (angeblichen und tatsächlichen ) Angriffe auf zivile Einrichtungen. Das Foto oben zeigt einen von Soldaten geführten Angriff gegen Rothemden, die sich im Lumpini Park verschanzt hatten. Als Operationsbasis diente den Soldaten der Parkplatz des Dusit Hotels, in dem sich zu diesem Zeitpunkt immer noch mehrere Dutzend Gäste befanden. Die Armee nutzte also definitiv zivile Einrichtungen als Ausgangspunkt für Angriffe gegen die Rothemden, trotz der Gefahr von Gegenangriffen, bei denen dann eben auch unbeteiligte Personen verletzt werden konnten.






Das Bild oben zeigt einen Soldaten, der kurz zuvor auf mehrere offen stehende Fenster im Lumpini-Tower (Rama IV) geschossen hatte und danach nach einem Fernglas verlangte. Angeblich seien dort verdächtige Bewegungen zu sehen gewesen. Das Gebäude war zu dem Zeitpunkt noch bewohnt und die verdächtigen Personen waren wahrscheinlich nur verängstigte Anwohner gewesen, die einen Blick nach draußen gewagt hatten.



Angeblich habe die Armee bis zu diesem Zeitpunkt gar keine scharfe Munition benutzt, aber für Gummi-Geschosse und Schrot sind die Einschusslöcher im Beton etwas zu tief (Flachdachbereich im 12. oder 13. Obergeschoss).











Das Bild oben zeigt einen Scharfschützen im Obergeschoss eines zweistöckigen Gebäudes in der Nähe des Muay-Thai-Stadions an der Rama IV. Von hier aus konnten die Soldaten trotz des Qualms der brennenden Reifen das Lager der Protestler an der Bon Kai-Brücke erkennen. Wenige Minuten nach dieser Aufnahme konnten wir beobachten, wie die Scharfschützen mehrere Schüsse abfeuerten. Kurz danach kam die Meldung, dass ein Demonstrant, der einen roten Helm getragen hatte, durch einen Schuss in den Kopf getötet worden war.


das Niemandsland



















































das Lager der Protestler




























Mit den brennenden Barrikaden wollten die Demonstranten den Scharfschützen die Sicht auf das Protestlager unter der Brücke erschweren.







































































































Kein Reifen ist ein Menschenleben wert.



Hinter dem gelben Absperrband begann die sogenannte "Todeszone".



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16. Mai

"bedrückende Stille"


Sathorn - die lebhafte Botschafts-, Banken- und Geschäftsstraße









































































































Silom - die quirlige Einkaufs- und Amüsier-Meile













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17. Mai

an der Ratchaprasong



Obwohl das abgeriegelte Gebiet zur "Todeszone" erklärt worden war, hielten sich immer noch mehrere tausend Protestler, darunter viele Kinder und ältere Menschen, im Lager an der Ratchaprasong auf.





Trotz der Blockade des Camps gab es immer noch ausreichend Nahrungsmittel. Inzwischen war es dem CRES allerdings gelungen, die Wasser- und Stromzufuhr zu unterbrechen, daher verschlechterten sich die hygienischen Zustände  zusehends. Die sanitären Anlagen des Klosters Pathum Wanaram reichten bei weitem nicht aus.






















































Als wir das Kloster Pathum Wanaram erreichten, kam eine ältere Frau laut rufend uns zu und fragte:" Wo kommt ihr her? Seid Ihr Journalisten?" Dann brach sie in Tränen aus und wimmerte nur noch:"Bitte lasst uns nicht alleine, zeigt der Welt was hier passiert", dann sagte sie etwas in Thai, was wir nicht verstanden haben und stammelte dann wieder in English:"Sie kommen, die Soldaten kommen! Sie werden uns alle umbringen. Morgen oder Übermorgen werden sie uns töten - sie sind schon auf dem Weg hierher! Geht bitte nicht weg, schaut zu was hier passiert".

Etwas später sprach Nicola mit einer Mutter, die mit ihrer Tochter trotz der drohenden Gefahr im Lager geblieben war (nahe der Hauptbühne an der Ratchaprasong-Kreuzung). Sie vertraute der Zusage der Regierung und der Armee, dass im Notfall das Kloster Pathum Wanaram als garantierte Zufluchtsstätte nicht angegriffen würde.
Sie sollte in dieser Hinsicht bitter enttäuscht werden. 
Während Nicola noch mit der Frau sprach, stürmte eine Gruppe von jungen Mädchen (alle etwa 8-10 Jahre alt) auf mich zu und strahlten mich an. Eine pikste mir in den Bauch, zwei andere berührten meine Hände und meinen linken Arm. Dann kicherten sie alle und rannten weiter. Ich kann nur hoffen, dass sie am Tag des Massakers nicht mehr im Lager waren. Als ich ihnen verblüfft nachschaute, fiel mein Blick auf eine Gruppe von Männern, die neben dem Eingang des Eriwan-Schreins auf einem Stapel Kisten saßen und Radio hörten. Einem Mann mittleren Alters liefen Tränen übers Gesicht. Es war etwa gegen 10.40 Uhr, als einer der Männer Nicola und mir berichtete, der "Rote Kommandeur" sei vor wenigen Minuten im Krankenhaus gestorben. Auch wenn es zwischen Generalmajor Khattiya Sawasdipol und der UDD-Führung zum Bruch gekommen war (er hielt den größten Teil der Führung für einen Haufen von Schlappschwänzen und Weicheier), so war und ist er bis heute für die meisten Rothemden ein Held.


Die Nachricht von "Seh Daengs" Tod verbreitete sich in Windeseile im ganzen Lager.


























Gegen Mittag verließen wir das Lager und machten uns auf den Weg nach hause, um uns noch mal richtig auszuschlafen. In den letzten Wochen hatten wir kaum mehr als 3-4 Stunden pro Tag geschlafen, manchmal noch weniger oder gar nicht. Und da wir wussten, dass die thailändische Armee nur abends oder vor Sonnenaufgang angreift, wollten wir die verbliebene Zeit zur Regeneration von "Mensch und Material" sinnvoll nutzen. Das lange Warten auf den Angriff der Armee hatte begonnen.

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18. Mai

Warten


Rama IV






Sathorn

Kreuzung Wireless Road/Sarasin Road









Kreuzung Sala Daeng

Convent Road































































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Ende des sechsten Teils.


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Kommentare:

  1. Es ist irgendwie unglaublich. Richtig präsent waren diese Vorgänge in den deutschen Medien nicht. Irgendwie eher "so am Rande". Oder habe ich damals was verpasst? Unglaublich was du so schilderst.

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  2. Kann ich leider nicht beurteilen^^ Wir waren ja hier auf den Strassen unterwegs. Wer wohl relativ kontinuierlich berichtete war die Deutsche Welle Radio und DLF/DLRadio. Nicola hat mehrere Berichte fuer diese Stationen gemacht und Interviews gegeben. Das Fernsehen hat soviel ich weiss nur bei extemen Gewaltausbruechen berichtet und die Reporter hatten meistens kaum eine Ahnung, worum es eigentlich ging. In den Chefetagen deutscher Medien hat man eine bestimmte Vorstellung, wie die Welt zu sein hat und Thailand ist halt das Land des Laechelns. Die Geschehnisse von damals passten einfach nicht ins festgefahrene Weltbild.

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