Donnerstag, 7. März 2013

Prügelstrafe an Thailands Schulen

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So sehen immer noch viele thailändische Eltern ihre Kinder am liebsten: auf den Knien, unterwürfig und gehorsam.


Vor kurzem bin ich (wieder mal ) über einen Artikel in der Bangkok Post gestolpert, der die Misshandlung eines Schülers durch einen Lehrer thematisiert. Mitschüler filmten mit einem Handy, wie eine junge Lehrerin (an einer Schule in der Provinz Chonburi) den Jungen zunächst ausschimpfte und anschließend mit einem Stock verprügelte, weil er zum wiederholten Male seine Hausaufgaben nicht gemacht hatte. Leider ist dies nicht das erste Mal, dass ich von diesem archaischen und barbarischen Verhalten an thailändischen Schulen lese oder höre. Immer wieder wurde in den letzten Jahren in den Medien über Misshandlungen durch Lehrer in Thailand berichtet. Einige Kinder wurden dermaßen brutal von ihren Lehrern "gezüchtigt", dass sie anschließend medizinisch behandelt werden mussten. Einige werden die Narben dieser "Erziehungsmethoden" für den Rest ihres Lebens mit sich herumtragen.
YOU TUBE video: http://www.youtube.com/watch?v=kChY4Jf-j10&feature=player_embedded
(Das Video auf YOU TUBE wurde von dem Unternehmen gelöscht, da es angeblich gegen die Nutzungsbedingungen verstößt)

UPDATE:
Ein weiteres, aktuelles Beispiel aus der Ausgabe der Bangkok Post vom 22.August 2013:

AMNAT CHAROEN – Ein 16-jähriger Berufsschüler wurde vom stellvertretenden Direktor seiner Schule schwer misshandelt, weil seine Schuhe gegen den Dress-Code der Schule verstießen. Der Teenager wurde am 13. August zusammengeschlagen, teilte Aonsee Buaparuang mit , Angehörige der Amnat Charoen Provincial Administrative Organisation. Laut dem Report setzte der stellvertretende Direktor bei seiner brutalen Attacke die Fäuste, Kniee und Ellenbogen ein. Der Student erlitt schwere Prellungen und musste in Krankenhaus eingeliefert werden.  Die Familie hat Anzeige bei der Amnat Charoen Polizeistation erstattet.
http://www.bangkokpost.com/breakingnews/365889/senior-teacher-used-feet-fists-knees-elbows-to-attack-student

Ein weiteres Beispiel aus der Bangkok Post aus dem Jahr 2011:
Gegen einen Musiklehrer, der beschuldigt wird, einige seiner Schüler verletzt zu haben indem er sie mehr als fünfzigmal geschlagen hat, wurde ein internes Disziplinarverfahren eingeleitet. Die Vorwürfe kamen ans Licht, nachdem letzte Woche ein Video auf YOU TUBE gepostet worden war, das einen Vater zeigt, der seine dreizehnjährige Tochter ins Krankenhaus (in der provinz Ang Thong) fährt. Er wollte dort feststellen lassen, ob die Blutergüsse auf dem Rücken seiner Tochter von Schlägen mit einer Rute stammen könnten. Phansak Thanpo, ein Lehrer für westliche Musik am Ang Thong College für Darstellende Kunst, wird beschuldigt, das Mädchen mindestens zehnmal mit einer Rute geschlagen zu haben, weil sie keinerlei Punkte in seiner Klasse erreichte.
http://www.bangkokpost.com/news/local/240601/video-clip-prompts-caning-probe (nur in Englisch)


Aber wirklich erschreckend und abstoßend sind die Kommentare im Internet und auf der Webseite der Bangkok Post. Natürlich sind viele Leser schockiert und wütend über dieses brutale und anachronistische Verhalten einiger Lehrer, aber die meisten Leser finden das Verprügeln von Schülern gut und richtig. Einige fordern sogar noch härtere Strafen.
Die folgenden Kommentare stammen von der Webseite der Bangkok Post und stehen stellvertretend für den Großteil der dort geäußerten Meinungen.

Der erste Kommentar stammt von einer Person, die sich selbst als sengsza bezeichnet. Ihrer Meinung nach war die Strafe noch längst nicht hart genug und fordert:
Ich denke, die Lehrerin hätte ihm die Hose herunterziehen sollen, denn diese mildert die Schläge ab. Sie hätte ihn von vorne verprügeln sollen, nicht von hinten. Das wäre ein Denkzettel gewesen.
(was bedeutet hätte, dem Jungen mit der Rute auf die Genitalien zu schlagen, Anmerkung des Bloggers)

Jemand anderes, der sich selbst als tomo bezeichnet, schrieb:
Ich besuchte eine gute und disziplinierte Schule und wenn wir aus der Reihe tanzten, bekamen wir den Lederriemen oder die Rute zu spüren und gelegentlich einen (Turn-)Schuh an den Kopf geworfen. Wir hatten es verdient und es hat uns Disziplin gelehrt. Unsere Generation respektiert die Älteren in der Gesellschaft und wir haben Benehmen und Moral, etwas, was weder bei der Jugend von heute in Thailand noch in England zu finden ist. Das ist meine Meinung und es hat mir nicht geschadet.

Und Rab.Madar kommentierte:
Dieser Typ ist doch gar nicht körperlich gezüchtigt worden, er wurde diszipliniert und er weiß es. Es sieht so aus, als wenn er es akzeptieren würde, denn er hätte ja weglaufen können, wenn es ihm weh getan oder er sich gedemütigt gefühlt hätte. Ich wette, wenn er älter ist, erinnert er sich gerne an diese Lehrerin, da er weiß, dass er ihretwegen wahrscheinlich ein besserer Mensch geworden ist.


...erinnert er sich gerne an diese Lehrerin...? 
Aber klar doch, ich sehe ihn schon deutlich vor mir, wie er sich an die wundervolle Zeit in der Schule erinnert, als er vor der gesamten Klasse von einer frustrierten und überforderten Lehrerin verprügelt und gedemütigt wurde.


Durch Schläge lernen die Kinder Benehmen, Moral und Respekt vor dem Alter? 
Das ist ein sehr interessanter Standpunkt, da die Anwendung der Prügelstrafe in Schulen gegen thailändisches Recht verstößt. Das Erste, was die Kinder in diesem Fall also lernen ist: Gesetze kann man ruhig ignorieren, wenn sie einem nicht gefallen.
(Corporal punishment in schools is illegal under the Ministry of Education Regulation on Student Punishment (2005) and the National Committee on Child Protection Regulation on Working Procedures of Child Protection Officers Involved in Promoting Behaviour of Students (2005), pursuant to article 65 of the Child Protection Act http://en.wikipedia.org/wiki/School_corporal_punishment#cite_note-89). Siehe auch Fußnote #1.

Durch Prügel werden ihnen moralische Werte vermittelt?
Warum sind dann Korruption und Machtmissbrauch so weit verbreitet in Thailand? Warum hört man immer wieder von misshandelten oder sexuell missbrauchten Hausmädchen und Angestellten? Warum werden dann immer noch viele Fabrikarbeiter, Arbeitsmigranten und Bauern wie Sklaven oder Leibeigene behandelt?
Offensichtlich fördert die Prügelstrafe bei weitem nicht so stark die moralischen Werte, wie in vielen Kommentaren behauptet wird. Im Gegenteil, in vielen Fällen sieht eher so aus, als wenn es einen direkten Bezug zwischen einer gewalttätigen Erziehung und der Gewalt im Alltag gibt.

Durch körperliche Züchtigung lernt man die ältere Generation mit Respekt zu behandeln?
Die Zahl der verkrüppelten, behinderten und alten Menschen, die ihren Lebensunterhalt mit Betteln oder Müllsammeln bestreiten, steigt seit Jahren kontinuierlich an. Warum werden diese Menschen von vielen ihrer Mitbürger wie Abschaum behandelt, wo doch deren Kinder, Freunde und große Teile der Gesellschaft angeblich durch die Prügelstrafe zum Respekt gegenüber der älteren Generation erzogen wurden und so hohe moralische Standards eingebleut bekamen? Nur selten sieht man im Alltag Menschen, die sich respektvoll bzw. anständig gegenüber dieser Gruppe verhalten.
Während der Flut im November und Dezember 2011 besuchten wir ein Lager für Flutopfer im Rajamangala  Stadion in Bangkok und führten dort mehrere Interviews. Als wir mit einem älteren Ehepaar sprachen, fragte uns ein ca. 40 - 50-jähriger Mann, der sich angeboten hatte, für uns zu übersetzen: "Warum wollt ihr mit ihr (der Frau) reden? Sie ist doch nur ein Krüppel und gar kein richtiger Mensch mehr."
Ist dies der Respekt gegenüber älteren Menschen, den man durch Prügel beigebracht bekommt?


Um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten verkauft sie kleine Tüten gefüllt mit Kampfer.


Wo sind denn all die Leute, die die Alten in Thailands Gesellschaft so sehr achten und ehren?


Ein Großvater mit seinen Enkeltöchtern in der Silom Road.



Im Gegenteil, es erklärt meiner Meinung nach, warum so viele Menschen in Thailand, die mit diesen barbarischen Erziehungsmethoden aufgewachsen sind, bis heute versuchen, Probleme mit Gewalt zu lösen. Die Zahl von 18 Coup d' etats und Putschversuchen seit 1932 (counting Thailands coups, nur in Englisch), die vielen gewaltsamen Niederschlagungen von Protestbewegungen und die zahlreichen Morde an politischen Gegnern und Aktivisten sprechen eine deutliche Sprache. (Thailands dunkle Vergangenheit von Nicola Glass, nur in Englisch)
Und dann gibt es ja noch die sogenannten "Geschäftsunfälle" (ein in Thailand gängiger Begriff für die zahlreichen Todesfälle im Geschäftsleben), wenn man ein Problem mit einem Geschäftspartner oder einem Konkurrenten hat, die extra-legalen Hinrichtungen, usw....




Niederschlagung des "Red Shirt"-Protestes am 19.Mai 2010


Verhaften genügte nicht, sie mussten auch noch gedemütigt werden. Niederschlagung des Protestes im Mai 2010.

Warum ist es für viele so schwer zu verstehen, dass Gewalt in der Erziehung auch Gewalt in der Gesellschaft hervorbringt?
Aber es gibt natürlich auch Lichtblicke! Es gibt viele engagierte Menschen und freiwillige Helfer, die sich um die Schwächsten in der Gesellschaft kümmern, sie mit Nahrung und Unterschlupfmöglichkeiten (Moskitonetze, Decken oder Schlafsäcke) versorgen und sogar eine kostenlose medizinische Versorgung bieten. Andere kümmern sich zum Teil ehrenamtlich um die ausgebeuteten Arbeitsmigranten und Arbeiter. Immer mehr Menschen lehnen die mittelalterlichen Methoden bei der Bestrafung und der Erziehung ab und distanzieren sich von dieser archaischen Denkweise.

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Fußnote #1:
Corporal punishment is prohibited in schools under the Regulation on the Punishment of Students (2000). The Ministry of Education Regulation on Student Punishment (2005) does not include corporal punishment among permitted disciplinary measures. Also applicable is the National Committee on Child Protection Regulation on Working Procedures of Child Protection Officers Involved in Promoting Behaviour of Students (2005), pursuant to article 65 of the Child Protection Act.


Kommentare:

  1. Es ist leider so, wer Wind sät, wird Sturm ernten. Kinder, die nur Gewalt erfahren, kennen nichts anderes und werden auch wieder Gewalt anwenden. So lange ist es auch hier in Deutschland nicht her, dass die Prügelstrafe in Schulen offiziell abgeschafft wurde. Bis 1973 hatten Lehrer nominell ein Züchtigungsrecht; erst im Jahre 2000 (!) wurde festgeschrieben, dass Kinder ein Recht auf gewaltfreie Erziehung haben!
    Was für ein erschreckend langer Weg ist es doch, bis mal ein Umdenken stattfindet und sich in Gesetzen wiederfindet!

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  2. Wie recht du hast, aber gluecklicherweise blieben wir zumindest von putschwuetigen Militaers und Massakern an der Zivilbevoelkerung verschont. Ein Zustand, auf den die Menschen hier wahrscheinlich noch lange warten muessen. Aber wie gesagt, es gibt Hoffnung, denn auch hier bleibt die Zeit nicht stehen.

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  3. Unglaublich, was in vielen Teilen der Erde immer noch vor sich geht. Auch wenn du von Lichtblicken berichtest, es ist noch ein weiter Weg.
    Solche Umstände zeigen mir immer auf welcher einer Insel der Glückseligkeit ich in Deutschland lebe

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    1. Aber es aendert sich langsam, wie im zweiten Beispiel mit dem Maedchen zu sehen ist, die Menschen fangen an sich zu wehren.

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  4. Es ist auch wichtig dass sich etwas ändert. Das sind die Lichtblicke die einen nicht verzweifeln lassen.

    Ich habe bei einem meiner Streifzüge im Netz auch noch einen kleinen Beitrag gefunden, ist dem wirklich so?

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/mein-leben-als-auslaender-germaen-sausaege-unterm-hakenkreuz-a-722943.html

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    1. Ja, "Bei Otto" ist eine Institution bei den Expatriats, es gibt dann auch eine handvoll anderer deutscher Restaurants in der Stadt, aber die verlieren sich. Bangkok ist 2200 Quadratkilometer groß und hat 12 -15 Millionen Einwohner.
      Deutsche Wurst und Brot nach deutscher Backkunst haben sich ebenfalls im Lauf der Zeit durchgesetzt. Es gibt auch gebrauchte Bücher, aber das lässt mehr und mehr nach und man sollte anmerken, dass diese Büchereien natürlich nicht nur deutsche Bücher an- und verkaufen, sondern auch englische, französische, niederländische, spanische, japanische koreanische...
      Was die Sache mit den Hakenkreuzen betrifft ist das so eine Sache. Alsoooo, man sieht sie nicht an jeder Straßenecke, das ist Blödsinn! Hin und wieder stößt man im Alltag dann doch auf sie. Allerdings muss man wissen, dass der thailändische Geschichtsunterricht sehr selektiv ist und sich nicht unbedingt an historischen Fakten sondern an persönlichen Meinungen orientiert. Daher wird den Kindern seit jeher in der Schule erzählt (wenn überhaupt drauf eingegangen wird), dass Adolf Hitler ein Feldherr war (ähnlich wie Napoleon oder Julius Cäsar). Die Verbrechen werden mit keinem Wort erwähnt. Bei vielen hochrangigen Militärs genießt er hohes Ansehen, als Feldherr eben. Viele Thais haben allerdings generell keine Ahnung worum es bei Hitler oder dem Dritten Reich geht, daher sieht man durchaus in einem Auto auch mal ein Bild von Hitler neben dem Bild von Gandhi und Buddha. Oder in einem linken Buchladen liegen die Bücher von Mao, Gaddafi, Lenin, Marx UND Hitler nebeneinander. Wenn man nachfragt bekommt man die Antwort:"Wieso, es heißt doch National-SOZIALISTISCHE ARBEITER Partei - die muss doch links sein." Tja, Thai-Logik, das versteht nur, wer hier ein paar Jahre gelebt hat. Aber mit Rechtsradikalismus im herkömmlichen Sinn hat das nichts zu tun!

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