Sonntag, 31. März 2013

Die Rothemden-Proteste 2010 - eine persönliche Chronik - Teil 1: März 2010

English Version

Links:
Die Rothemden-Proteste - eine persönliche Chronik - Teil 2: 1. - 17. April - Phan Fa-Brücke
Die Rothemden-Proteste - eine persönliche Chronik - Teil 3: 18. - 20. April - die Barrikade und der Aufmarsch der Sicherheitskräfte


Als ich vor kurzem mal wieder meine alten Aufnahmen sichtete und auf ihre Vollständigkeit überprüfte, stieß ich auch auf die Fotos vom Frühling 2010. In dieser Zeit hatte ich hunderte von Aufnahmen während der Red Shirt (Rothemden) Proteste in Bangkok aufgenommen. Viele der Bilder hatte ich bereits auf Facebook und Flickr veröffentlicht, überwiegend unsortiert, aus dem Zusammenhang gerissen und oft unkommentiert. Und jetzt, da wir uns dem dritten Jahrestag der Niederschlagungen von April und Mai 2010 nähern, habe mich entschlossen, eine persönliche Chronologie der Ereignisse jener besagten drei Monate zu erstellen (einschließlich eines Prologs, der etwas größer geworden ist als geplant und dennoch viel zu kurz ist, um alles zu erklären).


Prolog:
Der Putsch im September 2006 und seine Folgen

Zu ersten Protestaktionen kam es bereits kurz nach dem Coup, durch den der damalige gewählte Premierminister Thaksin Shinawatra aus dem Amt gejagt wurde. Verschiedene Gruppen wie zum Beispiel das Netzwerk 19.September von Giles Ungpakorn, Supinya Klangnarong und ihre Mitstreiter, die NUDD (National United Front of Democracy against Dictatorship) aus der später die heutige UDD (United Front for Democracy against Dictatoship) hervorging und viele andere protestierten öffentlich gegen die Putschisten und die neue, von der Junta (im Jahr 2007) durchgedrückte Verfassung.




Panzer mit Blumengirlanden
Nach dem sogenannten "unblutigen Coup“, auch als "Party-Coup“ bekannt, strömten tausende Royalisten und Thaksin-Gegener auf den Royal Plaza am Chulalongkorn-Denkmal, um die Soldaten und den Putsch zu feiern. Sie schmückten die Soldaten und die Panzer mit Blumen und Girlanden und versorgten die Putschisten  mit Kuchen, Süssigkeiten und Getränken.

Auf den Schildern steht: Wir trauern um die Verfassung des Volkes
(gemeint ist die von 1997)
Andere hingegen, wie Supinya Klangnarong und ihre Freunde initiierten sofort Anti-Coup-Proteste. Nach dem Putsch hatte das Militär über Bangkok und die Provinzen das Kriegsrecht verhängt und öffentliche Menschenansammlungen von mehr als fünf Personen waren strikt untersagt. Als die Polizei am Denkmal der Demokratie auftauchte um gegen die sieben Protestler vorzugehen, erklärte Supinya ihnen, dass dies nicht EINE Protestaktion mit sieben Teilnehmern sei, sondern ZWEI verschiedene Demonstrationen mit jeweils vier bzw. drei Protestteilnehmern. Selbst die Polizisten konnten sich nach dieser Erklärung ein Schmunzeln nicht verkneifen.
Viele der vorbeifahrenden Auto- und Motorradfahrer hupten zustimmend und winkten den „beiden“ Gruppen von Demonstranten zu.

Die ersten freien Wahlen nach dem Putsch resultierten in einem überragenden Wahlsieg der Thaksin nahestehenden People´s Power Party (Phak Palang Prachachon). Samak Sundarvej, ein (innerhalb der eigenen Partei umstrittener ) Verbündeter Thaksins Shinawatras , wurde zum Premierminister gewählt. Bereits kurz nach den Wahlen begannen die Gelbhemden der PAD (auch Pantamit genannt) mit neuen Anti-Regierungs- und Anti-Thaksin-Protesten und besetzten u. a. den Regierungssitz und später den internationalen Flughafen Suvarnabhumi. Ihr Vorwurf: Samak sei nur eine Marionette Thaksins und dieser würde in Wirklichkeit von seinem Exil aus Thailand regieren. 








Bereits am 20.Juni 2008 versuchten Gelbhemden die Polizeibarrikade in der Nakhon Pathom Road zu duchbrechen und auf das Gelände des Regierungssitzes vorzudringen. Allerdings gelang ihnen das erst nach wochenlanger Belagerung am 26. August 2008.

Das Gelände des Regierungssitzes nach der Besetzung durch die PAD.





PAD-Demonstrantin am Regierungssitz.

Der juristische Putsch im Dezember 2008 gegen die Regierung von Premierminister Somchai Wongsawat, dem Nachfolger Samaks, der wegen einer angeblichen Vorteilsnahme im Amt zurücktreten musste, führte zu neuen Unruhen. Diesmal gingen wieder die Rothemden auf die Straße.
Das Verfassungsgericht war der Überzeugung, dass ein führendes Mitglied der PPP, Yongyoth Tiyapairat, sich des Stimmenkaufs schuldig gemacht habe und löste nach (bis heute) geltendem Recht die PPP auf. Die Parteiführung der PPP wurde, dem Gesetz entsprechend, für fünf Jahre aus der Politik verbannt. Danach kam es in der folgenden Zeit immer wieder im ganzen Land zu Protesten. Abgesehen vom Pattaya-Zwischenfall und den gewaltätigen Strassenkämpfen zwischen den Sua Daeng (Rothemden) und den Anhängern der Pantamit (Gelbhemden) im April 2009 gab es glücklicherweise nur wenige gewalttätige Ausschreitungen und Anschläge. 


Am Suvarnabhumi Airport haben PAD-Wachen dieses Löschfahrzeug entwendet um es als Wasserkanone zur Verteidigung der Barrikaden einzusetzen.


















Am 1. November 2008 nahmen zehntausende Rothemden am Protest gegen die Regierung im Rajamangala Stadion teil.

Im August 2009 versammelten sich mehr als 30.000 Rothemden am Sanam Luang, einem großen, öffentlichen Platz gegenüber dem königlichen Palast. Sie überreichten dem Vertreter des "Königlichen Haushalts" (Verwaltung für königliche Angelegenheiten) eine Petition, in der sie den König um die Begnadigung Thaksin Shinawatras baten. Die Führung der UDD behauptete damals, man habe mehr als 3,5 Millionen Unterschriften gesammelt.

Rothemden bringen die gesammelten Unterschriften zum königlichen Palast.
________________________________


Für weiterführende Informationen und eine tiefergehende Erklärung der politischen und gesellschaftlichen Hintergründe empfehle ich das Buch von Nick Nostitz (zur Zeit nur in Englisch und Japanisch erhältlich).

Red vs. Yellow
Volume 1: Thailand's crisis of identity














Published by:
White Lotus Co.,Ltd., Bangkok
http://thailine.com/lots/
ISBN 978-974-480-150-0

Wikepedia: UDD
Wikipedia (deutsch): Somchai Wongsawat
Wikipedia (deutsch): Samak Sundaravej


_____________________________________________________________________________________________

Teil 1: März 2010
Ständiger Protest an der Phan Fa-Brücke

Im März 2010 setzte sich bei der Führung der UDD allmählich die Erkenntnis durch, dass sporadische Massenproteste und spontane Protestaktionen die Regierung von Abbhisit Vejjajiva nicht sonderlich beeindrucken. Sie waren dem Rücktritt der Regierung und vorgezogenen Neuwahlen noch keinen Schritt näher gekommen. Daher beschloss die Führung, an der Phan Fa-Brücke ein permanentes Protest-Camp zu errichten. Der Platz war strategisch gewählt, befindet sich die Brücke doch etwa in der Mitte zwischen dem königlichen Palast und der Ananta Samakorn Thronhalle, nahe dem Demokratie-Denkmal und nicht weit entfernt vom Hauptquartier der Königlich-Thailändischen Armee.

_____________________________________________________________________________________________



03.März
Pressekonferenz im FCCT




Am 3.März 2010 erklärten Darunee Kritboonyalai, Dr. Weng Tojirakarn and Jaran Ditthapichai den anwesenden Journalisten und politischen Beobachtern die neue Strategie der UDD.

______________________________________________________________________________________________


12. März
Singen der Königlichen Hymne vorm Lumpini Park

Am 12.März versammelte sich an der Statue Königs Mongkhutklao vorm Haupteingang des Lumpini Parks eine Gruppe von ca. 100-150 Rothemden, um gemeinsam die königliche Hymne zu singen, darunter u. a. die UDD-core leader Jaran Ditthapichai und Darunee Kritboonyalai. Sie wollten der Öffentlichkeit beweisen, dass die Rothemden keine anti-royalistische Bewegung sind.






























An diesem Tag erzählte Jaran meiner Lebensgefährtin, er gehe mit 80-prozentiger Sicherheit davon aus, dass die Regierung bald den Ausnahmezustand ausrufen werde. Am 7.April verhängte die Regierung dann tatsächlich den Ausnahmezustand, einen Tag nach dem Sturm auf das Parlament und drei Tage vor dem Versuch der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste.



 Die UDD-Anhänger beim Singen der Königlichen Hymne.

______________________________________________________________________________________________


13. März
Das Camp der Rothemden an der Phan Fa-Brücke




Als diese beiden Soldaten bemerkten, dass ich sie dabei beobachtet hatte, wie sie zu den Protestliedern der Rothemden mitgeschunkelt hatten, war ihnen das offensichtlich sehr unangenehm.






Die Anführer der UDD forderten ihre Anhänger im ganzen Land auf nach Bangkok zu kommen und sich dem Protest-Lager anzuschließen. Sie proklamierten außerdem den "Eine-Millionen-Menschen-Marsch" für den 14.April 2010. Den ganzen Tag über trafen Menschen und Auto-Kolonnen aus den Provinzen im Camp an der Phan Fa-Brücke ein, unter anderen auch diese Tuk-Tuk-Karawane.























































______________________________________________________________________________________________


14.April

Das Ziel von einer Million Protestlern wurde bei weitem nicht erreicht. Während die Regierung die Zahl der Demonstranten mit EXAKT 46.377 angab (wer zur Hölle hat die denn einzeln gezählt?), sprach die UDD-Führung von ca. 300.000 Teilnehmern. Wie so oft liegt die Wahrheit wahrscheinlich irgendwo dazwischen, bei ca. 100.000 - 150.000 Demonstranten (was auch meiner eigenen Einschätzung vor Ort entsprach).

http://english.peopledaily.com.cn/90001/90777/90851/6919273.html














Natthawut Saikua, einer der Anführer der UDD, spricht zu den angereisten Rothemden. Hinter ihm sind Mitglieder der ersten und zweiten Garde der UDD-Führung zu sehen. 




Hoppla, gewöhnlichen Sterblichen ist der Zutritt zu diesen Pavillons strengstens verboten! Nur bei besonderen Ereignissen ist VIP´s und geladenen Gästen der Zutritt erlaubt.


______________________________________________________________________________________________


15.März
Protest vor den Toren des 11. Infanterie-Regiments der Königlich-Thailändischen Armee

Aus Angst vor den Protestlern hatte die Regierung Abhisit den "Regierungssitz" vorübergehend in die Kaserne des 11. Infanterie-Regiments an der Phahon Yothin Road verlegt und richtete dort außerdem ein permanentes Krisenzentrum ein, das CAPO (Centre for the Administration of Peace and Order). Daher entschlossen sich die Rothemden am 15.März einen friedlichen Massenprotest vor dem Haupttor der Kaserne abzuhalten und die Regierung zum Rücktritt aufzufordern.
Nach einer kurzen Pressekonferenz vor ausgewählten Journalisten floh Premierminister Abhisit Vejjajiva in einem Helikopter vor den wenige Minuten später eintreffenden Rothemden.







Bevor der Protestzug mit tausenden Demonstranten an der Kaserne eintraf, standen diese beiden Protestler lange Zeit alleine den Hunderten von Soldaten gegenüber. Die Zivilcourage von zwei Menschen kann manchmal beeindruckender sein als der Anblick von mehreren Hundert schwer bewaffneter Soldaten.
















Die De-Eskalationseinheit der Armee leistete hervorragende Arbeit und hatte einen großen Anteil daran, dass es an diesem Tag friedlich blieb. Viele Rothemden waren positiv überrascht und beeindruckt.


Zum damaligen Zeitpunkt begrüßten viele Bangkoker noch die Proteste, auch wenn sie nicht immer Anhänger der Rothemden-Bewegung waren. Viele missbilligten jedoch die Art-und-Weise, wie die Regierung Abhisit an die Macht gekommen war


______________________________________________________________________________________________


16.März
Das Blutopfer

Natthawut Saikua am April the 16th: “Die Rothemden schwören keine Gewalt einzusetzen. Wir wollen kein Blutvergießen, den Verlust von Leben oder gewaltsame Zusammenstöße mit anderen. Wenn unser Land nicht demokratisch ist, wird jeder vergossene Tropfen Blut das Blut von machtlosen (einflusslosen)  Leibeigenen sein, so wie die Rothemden in diesem Augenblick." 

Die UDD-Führung forderte ihre Anhänger auf, eine Million Kubikzentimeter Blut zu spenden. Am Nachmittag des gleichen Tages sollte das Blut dann während eines Rituals vor dem Regierungssitz ausgeschüttet werden. Mit dieser Aktion wollten sie ihren Forderungen nach einem Rücktritt der Regierung und vorgezogenen Neuwahlen Nachdruck verleihen.

Dieses Vorhaben war mit weitem Abstand die umstrittenste Aktion der UDD! Die meisten Beobachter und viele Bangkoker schüttelten nur verständnislos den Kopf als sie von der geplanten Kampagne erfuhren. Dieser Unsinn  hat den Rothemden viel Sympathie in der Bevölkerung gekostet.











Eine Diskussion über die Einhaltung von Hygienestandards erübrigt sich.





Die UDD-Führer spendeten ihr Blut medienwirksam auf der Hauptbühne.











Viele Polizisten starrten ungläubig bis angewidert auf die mit Blut gefüllten Kanister und Flaschen, die an ihnen vorbeigetragen wurden.





Der Brahmane Sakrapee Promchart führte das Blutritual vor dem Tor #2 des Regierungssitzes durch.


Gerüchten zufolge reichte das gespendete Blut nicht aus, um die Marke von einer Million Kubikzentimetern zu erreichen. Angeblich wurde deshalb der fehlende Rest mit Schweineblut aufgefüllt.







Darunee wurde bei dem Anblick und dem Geruch des vielen Blutes übel und musste vor dem Ende der Zeremonie das Gelände verlassen.








______________________________________________________________________________________________

20.März
Der große Fahrzeug-Korso

















Zu diesem Zeitpunkt, bevor die UDD ihr Lager an die Rachaprasong-Kreuzung verlegte, genossen die Rothemden durchaus noch größere Sympathie bei den Angestellten der Geschäfte und den Anwohnern in dem Gebiet um rund die Silom Road. 

______________________________________________________________________________________________


25.März
Das Haaropfer


Diesmal ließen sich hunderte von UDD-Anhängern aus Protest gegen die Regierung ihre Köpfe kahl scheren. Diese "Massenrasur" an der Phan Fa-Brücke wurde von dem UDD-Führer "Rambo Isaan" geleitet. Die Aktion begann gegen 14.00 Uhr und dauerte mehrere Stunden.
Aber ehrlich gesagt, es hat die Regierung nicht wirklich beeindruckt!
















______________________________________________________________________________________________



27.März
Die Wassermelonen-Soldaten


"Sie (die Soldaten) sind wie Wassermelonen, äußerlich sind sie grün, aber im Innern sind sie rot."
(von einem unbekannten Rothemd)

______________________________________________________________________________________________


Der Tag startete mit einem kleineren Umzug durch das Regierungsviertel.



Das Bild oben kann und werde ich nicht kommentieren.



Am Nachmittag desselben Tages zogen sich die am Regierungssitz stationierten Soldaten in ihre Kasernen zurück. An diesem Tag applaudierten und jubelten die Rothemden den abziehenden Soldaten noch zu. Und viele der Soldaten lächelten und winkten zurück. Das änderte sich schlagartig nach der versuchten Niederschlagung der Proteste mit 25 Toten und mehreren hundert Verletzten vom 10.April 2010. 








Kommentare:

  1. Sehr spannend. Mit Spannung erwarte ich den weiteren Bericht auf Deutsch. Das Buch "Red vs. Yellow" erklärt bestimmt die Hintergründe die man als Außenstehender in Deutschland sonst nicht versteht, aber bei mir türmen sich noch genügend Bücher über Ägypten und die arabische Welt.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Teil 1 ist jetzt endlich auch auf Deutsch fertig! Danke für das Lob, sowas tut immer gut!

      Löschen